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Von der Saat ...

Schon früh erkannten unsere Vorfahren, dass zum Stopfen der Osterräder langes Roggenstroh sich am besten eignet. Denn nur so konnte ein ein großes Feuervolumen erreicht werden.

Bis Ende der 50-ziger Jahre wurde das lange Roggenstroh von den ortsansässigen Landwirten den Dechen gestiftet. Dann aber als die Ernte durch Mähdrescher erfolgte, konnte kein langes Roggenstroh von den Landwirten mehr geliefert werden.

Was nun?

Der Dechenverein entschloß sich nun den Anbau von langen Roggen selbst zu betreiben. Man kaufte einen alten Selbstbinder (für das Mähen erforderlich) und fand auch bald eine noch funktionstüchtige alte Dreschmaschine. Die Aussaat wurde von einem der Dechen, der noch eine Landwirtschaft betrieb, ausgebracht und entsprechend gepflegt. So geschieht es auch heute noch, denn das lange Roggenstroh ist nun einmal Bestandteil des Räderlaufes und überlieferte Tradition.

Nach gut 4-5 Wochen werden die 500 Roggengarben gedroschen, d.h. das Roggenkorn wird aus den Ähren getrennt. Mit der alten Dreschmaschine werden dann, meistens am letzten Wochenende im August, entweder in der Dechenscheune am Dallensenweg oder auch im Emmerauenpark als „Dreschfest“ die 500 Garben gedroschen. Dabei werden dann gut 120 Bund Roggenstroh gewonnen, ausreichend für den nächsten Osterräderlauf, denn dabei werden für das Stopfen eines Rades gut 18 Bund benötigt.

In den nächsten Monaten gibt noch genug für die „Aktiven“ des Dechenvereins zu tun. Denn sämtliche Fangzäune, die ja die Lauffläche der Osterräder abgrenzen um Unfälle zu ver-meiden, müssen teilweise ergänzt oder auch erneuert werden. Außerdem werden die vielen kleinen Hecken geschnitten. In der Dechenscheune werden die Räder entsprechend kon-trolliert auf eventuelle Schäden. Die Maschienen müssen für den nächsten Einsatz gewartet werden. Es gibt also genug zu erledigen.

Auch muß, falls ein Rad nicht mehr zu reparieren ist, ein neues angefertigt werden. Natürlich wird auch zu besonderen Anlässen, so wurde 1990 zur Wiedervereinigung Deutschlands, ein Rad angefertigt, mit der Radinschrift: „Deutschland einig Vaterland“.
Als Holz wird langjährig gelagertes Eichenholz verwendet, welches seit Urzeiten von der Stadt den Dechen zur Verfügung gestellt wurde bzw. wird. Von diesen Lieferungen berichten uns einige alte Urkunden. So eine Klageschrift aus dem Jahre 1779. Hier verklagt die Gemeinde Schwalenberg die Stadt Lügde wegen der Beseitigung einer Grenzeiche im Stadtholz. Die Brückentordechen hatten von der Stadt eine Eiche zum Fällen für ein neues Rad zugewiesen bekommen. Leider wurde hierbei in Unkenntnis der Grenzverhältnisse, besagte Grenzeiche gefällt. Die Dechen konnten aber nachweisen, das besagte Eiche „…aber so beschaffen das der Kern schon abgestorben und allgemach angefangen zu faulen welches wir zum Zeugnis der Wahrheit hiermit durch unsere eigenhändige nahmens Unterschrift bescheinigen.“
Lügde, den 5.ten Mertz 1779, Zimmermeister Godfries Tennie, Johann Philip König, Schreinermeister

Ein neues Rad wiegt ca. 280 kg, ist seit Generationen 1,70 Meter hoch und besteht aus 4 Lagen mit einer Breite von ca. 30 cm. Eine Lage besteht aus 5 Segmenten. Die 4 Lagen werden mittels Schraubbolzen verbunden. Die beiden Kreuzspeichen haben in der Mitte jeweils ein Loch für die Aufnahme der Balancierstange.
Nun beginnen die Vorbereitungen zum Höhepunkt des Jahres – Osterräderlauf - für die Dechen. Am Montag vor Osterrsonntag werden die Räder aus der Scheune geholt und zum Emmerufer Nähe Dechenheim am Brückentor gebracht. Hier werden nun in kurzen Abständen alle sechs Räder ins Wasser gerollt und durch Ketten miteinander verbunden und angekettet. Nicht immer geht diese „Zeremonie“ reibungslos und ohne Pannen vonstatten. So geschehen 2006, als das „Wässern“, wegen des Tunnelneubaues, unterhalb der „Schwarzen Brücke“ geschehen mußte. Ein Rad war nicht richtig mit der Kette verbunden, diese lößte sich und das Rad schwamm fort und mußte natürlich „eingefangen“ werden.

Schon einige Tage vorher, aber nun verstärkt in den nächsten 2 Tagen, werden von den Dechen ca. 500 Haselnußruten in der Lügder Flur geschnitten, die dann am Gründonnerstag in der Dechenscheune mühsam durch „drehen“ so präpariert werden, dass diese als „Bindematerial“ zum Einflechten des Roggenstrohs in die Räder am Ostersonntag benutzt werden können. Auch hier überlieferte Tradition: denn unsere Vorfahren erkannten schon sehr früh, dass diese Haselnußruten ca. eine Minute der Feuersglut standhalten. Bindfäden oder Seile würden sofort aufbrennen und das Stroh würde aus den Rädern herausfallen. Der Lauf eines Rades dauert gut eine Minute, d.h. kommen die Räder zum Stillstand, sind auch die Ruten abgebrannt und das restliche Stroh kann leicht entfernt werden, somit wird auch die lange Lebensdauer der Räder gewährleistet.
Zwischenzeitlich saugen sich die im Emmerfluß liegenden Räder mit Wasser voll und werden somit widerstandfähiger gegen die gewaltige Feuerglut der sie beim „Osterräderlauf“ ausgesetzt sind. Am Karsamstag gegen 17 Uhr werden dann die Räder aus der Emmer geholt, vom Schmutz der Emmer befreit und auf einen Wagen geladen. Anschließend wird der mit einer Girlande geschmückte Wagen zum Marktplatz gefahren und dort abgestellt. Ostersonntag ist dann auf dem Marktplatz von 13 bis 14 Uhr ein Konzert der Lügder Blaskapelle. Anschließend erfolgt ein Umzug mit Räder- und Strohwagen durch die historische Altstadt.

Auf dem Osterberg angekommen werden die Dechen mit drei Böllerschüssen angekündigt. Anschließend werden die Räder und auch das Stroh abgeladen und zunächst in die Räder die sogenannte „Kranzweide“ eingebaut. Später wird dann das Stroh mit den kleineren Haselnußruten hier eingebunden.

... zum brennenden Rad

Gegen 20 Uhr wird das große Osterfeuer mit Fackeln angezündet. Bei Einbruch der Dunkelheit versammeln sich die Zuschauer aus nah und fern am Fuße des Osterberges. Schon bald ist der Zuschauer gefangenommen von der Atmosphäre, die durch die Erwartung Tausender von Menschen im Tal und auf den Höhen des Berges spürbar ist. Ein Böllerschuß kündet den Beginn an und läßt die zigtausenden Zuschauer verstummen. Zunächst wird durch ein kleines Vorprogramm der Osterräderlauf angekündet.

Wieder erschallt ein Böllerschuß. Das erste Rad wird angezündet. Die Flammen schlagen hoch, man glaubt es würde ausbrennen noch bevor es den Lauf antritt. Aber zum richtigen Zeitpunkt wird das Rad mit einer Abstoßstange in Bewegung gesetzt. Das angestrahlte Kreuz auf dem Berg erlischt. Feierlich setzt Glockengeläut ein. Erst langsam, dann immer schneller rollt das Rad dem ersten Abhang zu, stürzt diesen hinab, gewinnt an Schwung und Fahrt, überspringt Wege, durchbricht Hecken und Zäune und zieht unbeirrbar seine feurige Bahn ins Tal, wo das Rad vom Tusch der Musikkapelle und dem Jubel der Zuschauer begrüßt wird.

In kurzen Abständen folgen noch 5 weitere Räder. Immer wieder dasselbe faszinierende Schauspiel. Kommen die Räder gut ins Tal, so wird es dem alten Volksglauben folgend, ein gutes Erntejahr geben.
Nach einer kurzen Pause folgt dann noch ein prachtvolles Höhenfeuerwerk.

Allmählich breitet sich die Dunkelheit im Tal aus. Noch lange ist der verglühende Strohfächer der sechs Feuerspuren der Räder in der Dunkelheit der Nacht am Osterberg sichtbar. Sichtlich beeindruckt von diesem einmaligen Brauchtum und Schauspiel verlassen die Zuschauer den Ort des Geschehens.

Im April 2015
Dieter Stumpe